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Im Auftrag des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA) hat das ZRW Berlin die Bibliothek des Parteisekretariats im ersten Stock des „Vorwärts“-Gebäudes an der Rechten Wienzeile 97 in Wien restauriert. Die Ausstattung entstand um 1910 beim Umbau des Hauses durch die Brüder Hubert und Franz Geßner im Stil der Wagner-Schule. Bis 1934 tagte in diesem Raum der Parteivorstand der österreichischen Sozialdemokratie.
Die Arbeiten umfassten die Reinigung und konservatorische Sicherung der Bibliotheksschränke, die Festigung beschädigter Eichenfurniere sowie die Überarbeitung der Oberflächen und beweglichen Bauteile.
Ein besonderer Bestandteil der Arbeiten war ein drehbarer Bibliotheksschrank, der aus originalen Schrankteilen rekonstruiert wurde. Er gibt einen zusätzlichen Zugang zur heutigen Forschungsbibliothek frei, ohne dass die historische Schrankwand aufgegeben werden musste.
Identifikation und historische Einordnung
Die Geschichte des Hauses ist eng mit der Entwicklung der sozialdemokratischen Bewegung verbunden. Mit dem Umbau und der Raumgestaltung wurden die Brüder Hubert und Franz Geßner beauftragt. Hubert Geßner, Schüler von Otto Wagner, war bis 1934 der „Hausarchitekt“ der Sozialdemokratie.
Er ergänzte die vorhandene Bausubstanz um ein dreigeschossiges Gebäude im Stil der Wagner-Schule. Im Erdgeschoss des Vorderhauses befanden sich unter anderem Teile der Administration der „Arbeiter-Zeitung“, die Büros von Parteianwälten sowie das Büro von Jakob Reumann, dem späteren ersten sozialdemokratischen Bürgermeister von Wien. Im ersten Stock befanden sich das Parteisekretariat, das Sekretariat der Abgeordnetenfraktion und die Redaktion der Parteizeitschrift.
Das Sitzungszimmer des Parteivorstands lag in der Bibliothek. Sie gehört zu den wenigen Bereichen des Hauses, deren ursprüngliche Ausstattung bis heute nahezu unverändert erhalten ist. Auch die umfangreiche Bibliothek des Parteisekretariats blieb über die Zeit erhalten.
Wir restaurieren historische Bibliotheken, Einbauschränke und Wandausstattungen als Teil- oder Komplettrestaurierung. Je nach Schadensbild entwickeln wir ein individuelles Restaurierungskonzept, das die Reinigung und Sicherung der Oberflächen ebenso umfassen kann wie die Restaurierung hölzerner Raumausstattungen oder konstruktive Anpassungen an eine neue Nutzung. Dabei berücksichtigen wir stets die Balance zwischen Substanzerhalt und notwendiger Erneuerung. Eine sorgfältige Voruntersuchung ermöglicht eine präzise Einschätzung des Restaurierungsaufwands.
Gerade bei fest eingebauten Ausstattungen ist besondere Sorgfalt geboten. Oft sind originale Oberflächen, Beschläge und Konstruktionsdetails erhalten, die es zu bewahren gilt. Unsere restauratorische Expertise ermöglicht es uns, diese historischen Zeugnisse zu erhalten und zugleich nutzbar zu machen.
Beschreibung der Bibliothek
Auf den zusammenhängenden unteren Schrankelementen befinden sich die miteinander verbundenen Vitrinen und oberen Schränke. Ursprünglich war die Bibliothek ausschließlich über den Hörsaal zugänglich. Gegenüber der Tür befinden sich neben zwei Fenstern drei einzelne Bibliotheksschränke.
Material und Konstruktion
Für die Konstruktion der Bibliotheksschränke wurde Fichtenholz verwendet. Mit Ausnahme der Regalbretter und Rückwände sind die Schränke vollständig mit Eichenholz furniert. Bei den unteren und oberen Schrankelementen wurde eine Kreuzfugung des Furniers ausgeführt. Die Kombination aus Fichtenholz als konstruktivem Grundmaterial und Eichenholzfurnier prägt das Erscheinungsbild der historischen Bibliothek.
Zustandsbeschreibung
Bei der Untersuchung wurden insbesondere folgende Funktions- und Oberflächenschäden festgestellt:
- zahlreiche Schranktüren ließen sich nicht mehr richtig schließen
- die ausziehbaren Lesetische waren verzogen
- die Lesetische klemmten beim Ausziehen
- das Eichenholzfurnier wies kleinere Schäden auf
- die Oberflächen waren verschmutzt und verstaubt
- auch die Innenbereiche der Schränke waren von Verschmutzungen betroffen
- auf den Ablageflächen befanden sich Wasserfleckringe
- einzelne Bereiche des Eichenfurniers waren lose
Konstruktion
Die Grundkonstruktion der Bibliotheksschränke war stabil und insgesamt gut erhalten.
Die Funktionsfähigkeit einzelner Bauteile war jedoch eingeschränkt. Insbesondere die Schranktüren und die ausziehbaren Lesetische mussten überarbeitet und neu eingepasst werden.
Oberfläche
Die Bibliotheksschränke besitzen dieselbe Oberflächenbehandlung wie die zugehörige Wandvertäfelung. Der vorhandene Kunstharzanstrich befand sich grundsätzlich in einem guten Zustand.
Die Oberfläche des Eichenholzfurniers war jedoch auf allen Teilen der Bibliothek stark verschmutzt und verstaubt. Auch die Innenbereiche der Schränke waren betroffen. Auf den Ablageflächen zwischen den unteren Schränken und den Vitrinen waren außerdem Wasserfleckringe sichtbar.
Restaurierungsmaßnahmen
Die Restaurierung konzentrierte sich auf die schonende Reinigung, die Sicherung der vorhandenen Furniere sowie die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit der beweglichen Bauteile.
Reinigung
Die verschmutzten und verstaubten Oberflächen des Eichenholzfurniers sowie die Fichtenholzbretter der Schränke wurden mit Wasser und Schmierseife gereinigt und abgewaschen.
Dabei musste darauf geachtet werden, nur eine möglichst geringe Menge Wasser einzusetzen, um Schäden durch Feuchtigkeit an Holz, Furnier und Konstruktion zu vermeiden. Durch die Reinigung konnte die ursprünglich weich und sanft schimmernde Oberfläche des Kunstharzanstrichs wieder sichtbar gemacht werden.
Restaurierung
Lose Bereiche des Eichenholzfurniers wurden gefestigt. Fehlende beziehungsweise ergänzte Bereiche wurden retuschiert und farblich an den vorhandenen Bestand angepasst. Die ausziehbaren Lesetische wurden neu eingepasst, sodass sie wieder funktionsfähig sind.
Auch die klemmenden Schranktüren wurden überarbeitet und neu eingepasst. Die umlaufende Ablagefläche im Raum wurde farblich an den vorhandenen Farbton des Eichenholzfurniers angeglichen. Als abschließende Schutzbehandlung wurde ein Firnis aus Lemonschellack aufgebracht.
Herstellung eines neuen zweiten Eingangs
Für die Herstellung des Durchgangs wurden die Rückwand sowie die drei übereinanderliegenden Schrankteile über die Breite eines Schranks aufgetrennt. Dabei war besonders darauf zu achten, dass die historischen Seitenhäupter erhalten blieben und nicht beschädigt wurden. Aus den vorhandenen historischen Schrankteilen wurde anschließend ein einzelner, in sich geschlossener Bibliotheksschrank rekonstruiert. Der Schrank erhielt neue Seitenhäupter und wurde als bewegliches Schrankelement ausgeführt.
Der Schrank läuft auf Rollen und kann bei Bedarf über eine Führungsschiene in der Decke gedreht und in den neu geschaffenen Durchgang bewegt werden. Beim Bau des beweglichen Schranks wurden die neuen Seitenhäupter mit den vorhandenen historischen Schrankteilen verbunden. Besonderes Augenmerk lag dabei auf einer möglichst exakten Anpassung der Bauteile, damit keine störenden Niveauunterschiede zwischen alten und neuen Elementen entstehen.
Zwei Beschläge in der Rückwand ermöglichen die Bewegung des Bibliotheksschranks. Die neu angefertigten Fichtenholzteile wurden mit einer flüssigen Wachsbeize farblich an den historischen Bestand angeglichen. Durch diese Lösung konnte die historische Bibliotheksausstattung weitgehend erhalten und gleichzeitig an die veränderte Nutzung des Raumes angepasst werden.
Verwendete Materialien
- Fichtenholz
- Eichenholz
- Eichenholzfurnier
- Schmierseife
- Halbleim aus Perl-/Hautleim, 50:50 Masse-%
- Lemonschellack
- Ethanol
- flüssige Wachsbeize
Die Auswahl der Materialien orientierte sich an den vorhandenen historischen Materialien und an den Anforderungen der konstruktiven Sicherung und Oberflächenbehandlung.
Restauratorischer Schwerpunkt
Besonders anspruchsvoll war die Integration des neuen zweiten Eingangs. Durch die Rekonstruktion eines beweglichen Bibliotheksschranks konnten vorhandene historische Bauteile weiterverwendet und zugleich die notwendige neue Zugangssituation geschaffen werden.
Die Maßnahme zeigt damit exemplarisch, wie historische Bibliotheksmöbel und eine denkmalwürdige Innenausstattung durch fachgerechte Restaurierung, behutsame Ergänzungen und konstruktive Lösungen langfristig erhalten werden können.
