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Die Büste der Nofretete (ÄM 21300) zählt zu den bekanntesten Kunstwerken der Welt und ist ein Wahrzeichen Berlins. Von Februar 2009 bis Februar 2011 leitete Philipp H. Westebbe als wissenschaftlicher Angestellter und Projektleiter am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin bei Prof. Dr. Stefan Simon das Forschungsprojekt „Nofretete ÄMP 21300 – Untersuchungen des Rathgen-Forschungslabors zum restauratorischen Zustand und zur Transportfähigkeit“. Dabei ging es nicht um einen Eingriff am Original, sondern um die bestmögliche Sicherung ihres Zustands.
Im Vorfeld des Umzugs vom Alten Museum in den Nordkuppelsaal des wiedereröffneten Neuen Museums auf der Museumsinsel Berlin wurde die Büste interdisziplinär untersucht, ihre Risiken wurden bewertet und die Bedingungen für Transport und Präsentation optimiert. Das Rathgen-Forschungslabor wurde 1888 gegründet und gilt als ältestes Museumslabor der Welt.
Die Zentrale Restaurierungswerkstatt Berlin gründete Philipp H. Westebbe im März 2012. Die Erfahrungen aus dem Nofretete-Projekt fließen heute in ihre Arbeit ein.
Die Büste der Nofretete: Objekt und Geschichte
Die farbig gefasste Büste entstand um 1340 v. Chr. in der Amarnazeit (18. Dynastie). Sie wurde im Dezember 1912 bei Grabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in Tell el-Amarna in der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis gefunden und gehört heute zum Ägyptischen Museum und Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin. Sie besteht aus einem Kalksteinkern, auf den im Bereich von Schultern und Krone mehrere Stuckschichten aufgetragen wurden. Im Gesicht ist die modellierende Gipsschicht stellenweise dünner als ein Millimeter. Die Bemalung ist weitgehend original erhalten.
Die Büste wurde erstmals 1992 computertomographisch untersucht, später folgte eine hochauflösende CT am Imaging Science Institute in Berlin. Von 2005 bis 2009 war sie im Alten Museum ausgestellt. Im Oktober 2009 zog sie in den Nordkuppelsaal des wiedereröffneten Neuen Museums um, also in das Haus, in dem sie ab 1924 erstmals öffentlich gezeigt worden war.
Ergänzend zu den naturwissenschaftlichen Arbeiten wurden historische Quellen zur Objektgeschichte ausgewertet. Auch die Kopien der Nofretete aus der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin wurden einbezogen.
3D-Untersuchung und Computertomographie der Nofretete
Um den inneren Zustand der Büste beurteilen zu können, wurden die CT-Daten von 1992 und 2006 miteinander verglichen. Die Daten von 1992 lagen auf einem älteren Speichermedium in einem nicht mehr gebräuchlichen Datenformat vor. Die Siemens AG überführte sie mit Unterstützung der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in ein aktuelles Format und machte sie damit wieder nutzbar.
Die Auswertung beider Datensätze erfolgte gemeinsam mit radiologischen Kliniken in Dessau und Bremen. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob sich mögliche Schäden im Inneren über die Jahre verändert haben. Ergänzend entstanden zwei digitale 3D-Modelle: ein Oberflächenmodell als Grundlage für Dokumentation und Kartierung und ein Modell mit dreidimensionaler Schadenskartierung, das innere Hohlstellen erfasst. Alle Daten wurden in kompatiblen Formaten gesichert, damit sie den Staatlichen Museen zu Berlin langfristig zur Verfügung stehen.
Untersuchung von Fassung und Oberfläche
Die empfindliche, mehrschichtige Bemalung der Büste erforderte ein Vorgehen, das so weit wie möglich berührungsfrei und zerstörungsfrei arbeitet. Grundlage war eine detaillierte Zustandskartierung, die mit photogrammetrischen Aufnahmen der TU Berlin abgeglichen wurde.
Mit bildgebenden Multispektralverfahren wurden Oberfläche, Farbfassung und frühere Eingriffe dokumentiert, ohne die Büste zu berühren. Spektroskopische und mikroskopische Untersuchungen gaben zusätzlich Aufschluss über Pigmente, Grundierung und Bindemittel der Fassung. Ergänzend kam die Video-Holographie zum Einsatz, mit der sich Hohlstellen und gefährdete Bereiche unter der Oberfläche zerstörungsfrei erkennen lassen.
Risikoanalyse und präventive Konservierung
Die Ergebnisse aller Untersuchungen wurden in einer gemeinsamen Risikoanalyse zusammengeführt und mit probabilistischen Verfahren bewertet. Daraus entstand ein Handling-Protokoll nach den Leitlinien des Canadian Conservation Institute (CCI). Für den sicheren Transport wurde ein eigenes Montagesystem mit Isolatoren entworfen und gebaut.
Ein zentrales Thema der präventiven Konservierung waren Schwingungen. Das Schwingverhalten des Fußbodens im Nordkuppelsaal wurde untersucht, und der Sockel der neuen Vitrine erhielt eine Schwingungsisolation. Der Umzug vom Alten ins Neue Museum wurde schwingungstechnisch überwacht.
Für Vitrine und Nordkuppelsaal wurde eine Lichtplanung erarbeitet. Zudem wurden die Beleuchtungsstärke der Leuchtmittel und der Anteil des indirekten Sonnenlichts kontrolliert. In der Vitrine wurden Luftfeuchte, Temperatur und Silicagel kontrolliert und überwacht, außerdem wurde die Luftaustauschrate bestimmt. Mögliche Schadstoffbelastungen wurden mit Oddy-Test, Passivsammlern und Massenspektrometrie untersucht. Der Vergleich der CT-Daten und die Ergebnisse des Monitorings bildeten zusammen die Grundlage für die abschließende Risikobeurteilung.
Restauratorischer Schwerpunkt
Das Projekt zur Büste der Nofretete zeigt, wie Untersuchung, Dokumentation und präventive Konservierung zusammenwirken, wenn ein Objekt von höchstem Rang möglichst unberührt erhalten werden soll.
Statt eines Eingriffs am Original standen drei Aufgaben im Mittelpunkt: der zerstörungsfreie Erkenntnisgewinn, die Rettung historischer Daten und die Minimierung aller Risiken bei Transport und Präsentation.
Unter der Projektleitung von Philipp H. Westebbe am Rathgen-Forschungslabor arbeiteten Kliniken, Forschungseinrichtungen und Industriepartner eng zusammen. Das Projekt ist damit ein Beispiel dafür, wie moderne Konservierungswissenschaft den langfristigen Erhalt bedeutender Kulturgüter sichert. Für Objekte mit empfindlicher Fassung bietet das heutige ZRW Berlin entsprechende Leistungen auch im Bereich der Restaurierung von Skulpturen und polychromen Bildwerken an.
Schwerpunkte
1.2 Check und Auslesen des SPI-Datenformats von der CT-Disc [12 Zoll-LM1200 Medium] durch Siemens AG (Erlangen)
1.3 Migration vom SPI-Datenformat zum DICOM-Datenformat auf DVD durch Siemens AG (Erlangen), unterstützt durch die Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung (Berlin)
1.4 Zugriff auf migrierte CT-Daten mittels DICOM-Viewer
1.5 Beschaffung der rekonstruierten CT-Daten von 2006 im DICOM-Datenformat vom Imaging Science Institute (Berlin) in gleicher Voxelgröße für alle drei Kantenlängen
1.6 Auswertung der CT-Rohdaten mit Hilfe von Spezialsoftware an der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie (Dessau) und Klinikum Links der Weser (Bremen), insbesondere Vergleich im Hinblick auf eine eventuelle Schadensprogression
1.7 Vergleich zwischen Streiflichtscan (2008) und Laserscan (2009)
1.8 Erstellung eines 3D Oberflächenmodells als Kartierungs- und Dokumentationsgrundlage
1.9 Erstellung eines 3D-Modells mit 3D-Schadenskartierung zur Erfassung der inneren Hohlstellen und eventueller Schwächungshorizonte
1.10 Sicherung der Daten in kompatiblen Formaten für die langfristige Verfügbarkeit an den SMB
2.2 Restauratorische Zustandskartierung [Material, Schaden, Untersuchungsprotokolle] basierend auf den in 1.4, 1.5 und 2.1 erzeugten Dokumentationsvorlagen
2.3 Multispektrale fotografische Untersuchung und Photodokumentation: Vis, Irbw, 950nm, UV fluor., UV refl., IRfc, Uvfc
2.4 in situ und zerstörungsfrei: Mikro-XRF-Untersuchung zur Elementbestimmung im Oberflächenbereich [Pigmente, Grundierung], portable Raman-Spektroskopie und UV-Vis-NIR-Absorptions- und Transmissionsspektroskopie (190-2500nm)
2.5 Bindemittelanalytik [FT-IR, GC/MS] zur mikro-invasiven Fassungsuntersuchung
2.6 Digital-, Licht-, Polarisationsmikroskopie und ESEM/EDX: Untersuchungen zur Pigmentbestimmung und Malschichtstratigraphie
2.7 Video-Holographie: Zerstörungsfreie Detektion von Hohlstellen und Risikozonen durch Laser-Interferometrie nach kontrollierter Beschallung
3.2 Erstellung eines Handling Protokolls unter Berücksichtigung moderner, vom CCI (Canadian Conservation Institute) publizierten Leitlinien
3.3 Entwurf und Erstellung eines mit Isolatoren ausgestatteten Transportmontagesystems
3.4 Zusammenführung der Risikofaktoren und Auswertung mit probabilistischen Verfahren
4.2 Modifizierung der neuen Vitrine durch Schwingungsisolation im Sockel
4.3 Schwingungstechnische Überwachung des Transports während des Umzugs vom Alten ins Neue Museum
4.4 Lichtplanung für die Vitrine und des Nordkuppelsaals
4.5 Kontrolle und Monitoring Vitrine: RF, °C und Silicagel
4.6 Kontrolle und Monitoring Nordkuppelsaal: Beleuchtungsstärke der Leuchtmittel (Emissionsspektren) und des indirekten Sonnenlichts
4.7 Schadstoffbelastungen: Oddy-Test, Passive Samplers und Massenspektrometrie
4.8 Luftaustauschrate Vitrine
4.9 Anamnese, Diagnose, Erfassung und Vergleich der CT-Daten von 1992 und 2006
4.10 Risikobeurteilung
